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Spirituelles Coaching

von Dr. Klaus Peter Horn
Spirituelles Coaching

Bewusstseinsentwicklung mit menschlichem Maß

 

Spirituelle Wege sind nicht mehr nur eine Sache weniger Auserwählter oder Aussteiger. Viele Millionen Menschen sind heute auf der Suche nach Sinn und Selbsterkenntnis. Diese neue Entwicklung verhilft nicht nur den Einzelnen zu einem erfüllteren Leben. Auch ein Bewusstseinssprung mit positiven Auswirkungen auf die geistige Verfassung der menschlichen Zivilisation und den desolaten Zustand unseres Heimatplaneten ist mehr als willkommen.

Eine grundlegende Transformation unseres Bewusstseins und damit unserer Lebensweise ist für uns so notwendig wie die Luft zum Atmen. Spirituellem Know-how und Be-how kommt deshalb immer mehr eine Schlüsselfunktion zu. Die Zeit des Rückzugs in Randszenen mit ihren eigenen, für Außenstehende unverständlichen Verhaltensweisen und Jargons ist vorbei. Wer etwas zur Bewusstseinsentwicklung beitragen kann, gehört auf den Marktplatz.

Wie können sich das Innere und das Äußere treffen? Was ist dazu heute notwendig? Spiritualität muss anschlussfähig werden.
Was braucht es, damit die »Philosophia Perennis«, die zeitlose Weisheit, den Mainstream erreicht? Sie muss ihre eigenen blinden Flecken erkennen und liebgewordene Sackgassen verlassen.

Meister-Schüler: eine Sackgasse?

Die traditionelle Basis spirituellen Lernens ist die Meister-Jünger, bzw. Lehrer-Schüler-Beziehung. Nicht nur Vertreter traditioneller Linien, auch viele psychospirituelle Szenen des Westens halten unbeirrt an ihr fest.
Ist sie so erfolgreich, dass kein Grund bestände, so ein »Winning Team« zu ändern?
Keineswegs – ihre Erfolgsquote, von einer Auswirkung auf den Zustand der Menschheit ganz zu schweigen, ist, bei allem Respekt, eher bescheiden zu nennen.
Daran ändern auch Internet-gestützte Erleuchtungsfabriken wenig, die für eine neue, schon vom Computer gestillte Generation von Suchenden spirituelle Befreiung im Mausklicktempo anbieten. Sie bedienen lediglich marktgerecht das Bedürfnis nach schnellem Download. Langwierige Meditation oder gar unbequeme Arbeit an persönlichen Verstrickungen sind out. Statt mühsamer Innenschau genügt der einmalige Kick von außen: Erleuchtung als Injektion – gegen entsprechend horrendes Honorar versteht sich. Wer da nicht das Weite sucht, findet so das Flache – und hinter der schicken Benutzeroberfläche schließlich auch wieder traditionelle Guruherrlichkeit.

Manche spirituellen Autoritäten, hoch entwickelte Bewusstseinslehrer, arbeiten methodisch und didaktisch auf einem Niveau, das selbst in den rückständigsten Schul- und Hochschulsystemen längst in die Mottenkiste verbannt wurde. Moralische Appelle, Erniedrigungen, Demütigungen und Drohungen auf der einen Seite, Imitation, Verklärung und blinder Gehorsam auf der anderen. Zu diesem bescheidenen Instrumentarium des Lernens gesellt sich noch das ganze Spektrum zwischenmenschlicher Verstrickungen. In nicht wenigen Fällen wird eine skeptische Öffentlichkeit darüber hinaus auch durch Enthüllungen von Korruption, Missbrauch und anderen unheiligen Machenschaften in ihrer Erwartung bestätigt. Selbst wer über die absurdesten Guruallüren hinwegsieht, kommt an der Einsicht nicht vorbei: Spirituelles Lehren und Lernen hinken der Wirklichkeit unserer Gesellschaft hinterher.

Damit ist die Wirkung dieses Lernens nicht nur beschränkt, sondern geradezu kontraproduktiv. Die wenigsten sind in der Lage, diese Einschränkungen zu ignorieren und allein aus der Resonanz mit einem überpersönlichen Raum die Energie zur inneren Transformation zu beziehen. Die überlebte Form stößt viele Interessierte ab und erlaubt es kritisch-rationalen Zeitgenossen, alles Meditieren und Transformieren in die esoterische Spinnerecke abzuschieben. Sicherlich haben manche spirituellen Lehrer bestimmte Absurditäten auch bewusst als Schutz gegen den Ansturm Neugieriger eingebaut. Doch die Gefahr, von ihnen überrannt zu werden, besteht heute kaum noch. Zwar ließe sich zur Entschuldigung sektiererischer spiritueller Minderheiten anführen, dass auch große, staatstragende Religionen wie das Christentum sich mythischen Erlösungsfantasien von einer paradiesischen Nachtod-Existenz für Gläubige hingeben, doch befriedigt dieser Einwand wenig. Von dieser Seite erwartet wohl kaum noch jemand einen Beitrag zur Transformation des Bewusstseins.
Ritualisierte Unterwerfung und gläubige Abhängigkeit sind so wenig spirituell wie der indische Kuhdung, den manche esoterischen Gemeinschaften für ihre morgendliche Feuer-Zeremonie einfliegen lassen

Traditionen würdigen und integrieren

Auch wenn kein Grund besteht, Traditionen zu idealisieren oder auf religiöse Institutionen zu bauen, tun wir gut daran, sie zu würdigen. Denn ohne alte Religionen gäbe es auch keine neue Spiritualität. Wie können wir ihre Beiträge angemessen anerkennen? Indem wir ihre Formen imitieren, bis sie zur Routine erstarren? Nein, wenn wir respektvoll über sie hinausgehen und ihre Essenz zeitgemäß leben, ehren wir sie.

Woran merken wir konkret, dass wir Tradition und Postmoderne integrieren? An der Resonanz unserer Zeitgenossen. Spirituelle Entwicklung kann heute attraktiv sein für so viele Menschen wie vielleicht noch niemals zuvor. Allerdings müssen die Lehrenden sich dazu innerlich und in manchen Fällen auch körperlich vom Thron herab bemühen und sich neben die Lernenden stellen. Womit ich aber nicht einer pseudodemokratischen »Wir sind alle gleich«-Ideologie das Wort reden will.

»Was auch immer es ist, das du hast und ich nicht habe...«, fragte ein Suchender einst den indischen Weisen Ramana Maharshi, »kannst du es mir geben?« Nach einigem Schweigen antwortete der so Angesprochene: »Ich gebe es dir gern – aber kannst du es nehmen?«
Lernende oder Suchende werden nicht weiterkommen, bevor sie anerkennen, dass ihnen etwas zu fehlen scheint und sie nehmen möchten, was Lehrer ihnen geben. Daran kann sich nichts ändern. Die Form aber benötigt ein »Update« für das 21. Jahrhundert.
Spirituelle Coaches unterstützen und ermutigen

Gautama Buddha nannte vor 2500 Jahren seine Vision eines zukünftigen spirituellen Lehrers »Maitreya«, den Freund. Heute würden wir ihn wohl eher einen »Begleiter « nennen. Zu ihm schauen wir nicht auf. Wir schauen ihn an. Er verkündet nicht. Er unterstützt und ermutigt. Die Lernenden wiederum verehren ihn nicht. Sie würdigen seine Erfahrung, sein Wissen und Bewusstsein.
Die Methoden modernen Coachings ermöglichen diesen neuen Weg. Sie holen die Menschen ab und docken an ihre täglichen Fragen und Probleme an. Sie erlauben es, die Tiefe eines spirituellen Weges mit dem Pragmatismus konkreter
Lösungsschritte zu verbinden. Sie respektieren persönliche Grenzen und öffnen doch lange verschlossene Fenster und Türen. Wer so frische Luft atmet, geht fast von allein die ersten Schritte aus beengenden Ich-Konzepten in die Weite des Seins.

Systemische Coachingansätze, die innere und äußere Systeme klären und ordnen helfen, sind für die Verbindung mit spirituellen Prozessen besonders geeignet, denn
• Sie sind weitgehend frei von dogmatischen Konzepten.
• Sie etikettieren nicht den einen als gesund und wissend, den anderen als gestört und unwissend.
• Sie sind zugleich prozess- und lösungsorientiert.
• Konkrete Ergebnisse und positive Veränderungen sind auch in kurzer Zeit möglich.
• In ihrer offenen, phänomenologischen Vorgehensweise können sie Persönliches und Überpersönliches integrieren.

Worum geht es im Spirituellen Coaching?

Es geht um einen praktischen, persönlichen Zugang zu den alten Fragen des Menschseins: Wie gehe ich mit der Situation des »in die Welt Geworfenseins« um? Wie bewältige ich die Krisen meines Lebens? Wo will ich hin? Gibt es einen Sinn? Was ist Glück? Wer bin ich eigentlich? Was liegt diesem Alltags-Ich, mit dem ich in der Welt funktioniere, zugrunde?

Bevor ich nicht weiß, wer ich bin, wo ich herkomme und hingehe und worum es im Leben geht, hilft nichts wirklich. Tröstliche Erklärungen, Antworten und Erfahrungen anderer ändern daran ebenso wenig wie unsere Wiederherstellung durch Medizin und Psychotherapie.
Ist das Ego ein illusionäres Gefängnis, aus dem erst die Erleuchtung befreit? Oder ist das »geglückte Welt-Ich« (Dürckheim) der Sinn des Lebens? Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich die meisten Einschätzungen zur menschlichen Wirklichkeit. Das Credo des westlichen Ego ist der »Pursuit of Happiness«, der amerikanische Traum vom Streben nach Glück. Das Credo der östlichen Weisheitstraditionen hingegen ist die Auflösung im Einen; mit ihrem »Du bist das!« weisen sie auf die illusionäre Natur unserer Ich-Konzepte hin. Bleiben diese Einstellungen auf ewig Feinde? Oder können wir das Beste beider Welten zusammenbringen?
Integration der Gegensätze

Eine Zauberformel unserer Zeit ist die Integration der Gegensätze, die Osho, einer der großen spirituellen Lehrer des 20. Jahrhunderts, mit seiner Vision von »Zorbas, der Buddha« beschreibt – einer Synthese des lebenslustigen Griechen und des erhabenen Weltenüberwinders. Sie ist mit einer Zumutung verbunden: Zorbas, der Weltmensch, ist erdig und weinselig; Buddha, der Erwachte, ist weltfern vergeistigt. Beide müssen etwas aufgeben, um eins zu werden.

Aus dem Leiden an der Welt wächst die Sehnsucht nach Befreiung. Ihr erstes Stadium ist erreicht, wenn seelisches Leid sich plötzlich auflöst. Doch hier endet der Weg nicht. Er führt zurück in die Welt der Gegensätze, die wir nun annehmen, statt ihr zu entfliehen. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wählt keinen leichten Weg. Aber er lohnt sich, denn statt süß zu träumen und bitter aufzuwachen, lernen wir zwischen den Polaritäten zu stehen. So entwickelt sich allmählich ein bewussteres Ich, das als wache Präsenz persönliche und überpersönliche Ebenen unseres Daseins jongliert.
Solange wir uns ein für alle mal befreien und »falsche« durch »wahre« Selbste ersetzen möchten, bekämpfen wir uns selbst.

Ein wichtiger Schritt zur Versöhnung mit sich ist die Würdigung aller Aspekte unseres Menschseins. Dann nehmen wir auf entspanntere Weise am Leben teil. Frei von Sendungsbewusstsein und missionarischem Eifer fühlen wir uns ganz praktisch verantwortlich für den Garten Erde, den wir bewohnen. Im Verzicht auf alles Grandiose sind es nun die einfachen täglichen Aufgaben, an denen wir wachsen.

Auszug aus: Klaus P. Horn, Spirituelles Coaching. Bewusstseinsentwicklung mit menschlichem Maß. Ullstein/Allegria

Zur Person

Dr. Klaus Peter Horn

Trainer und Coach, promovierter Psychologe, Ausbildungen in Energiearbeit, Voice Dialogue und Systemaufstellung, Meditationspraxis seit 40 Jahren, Schüler Oshos von 1976 bis 1984. Seit 35 Jahren Training und Coaching für Unternehmen und Einzelne. Er arbeitet als persönlicher Coach und in der Aus- und Weiterbildung von Coaches und Trainern in Europa und Asien.

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