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Spirituelle Therapie

Spirituelle Therapie

Ein Gespräch mit Ramateertha R. Doetsch Trainer in der UTA Akademie über den therapeutischen Ansatz im Sammasati Training für spirituelle Therapie

von Ishu Lohmann

Ishu: Ihr nennt euer Therapeuten-Training „Sammasati“. Warum habt ihr diesen Namen gewählt?

Ramateertha: Sammasati ist das letzte Wort, das Buddha sprach, bevor er seinen Körper verließ. Und es ist auch das letzte Wort, das Osho in seinen öffentlichen Diskursen sagte. Es bedeutet „rechtes Erinnern“. Gemeint ist also nicht das Erinnern an Fakten und Bilder aus der Vergangenheit – vielmehr geht es darum, sich der eigenen Buddha-Natur, seiner ursprünglichen Essenz zu erinnern. Ich liebe diesen Satz aus einem Zen-Koan: „Es wäre besser, von Anfang an blind und taub gewesen zu sein“. Dann wären wir nicht so voll mit all den Sätzen und Bildern, wie wir sein sollten – die Urteile, mit denen wir groß geworden sind und die unsere Natürlichkeit verstellen. So müssen wir erst einmal lernen, unsere eigentliche Natur von Schichten von Konditionierungen frei zu schaufeln, um sie überhaupt wahrnehmen zu können. Das ist es, was mit dem „richtigen“ Erinnern gemeint ist. Insofern ist Sammasati eine programmatische Erklärung für unsere therapeutische Arbeit. Damit verbunden ist eine ganz andere Vision der Therapeuten-Klienten-Beziehung. Wir sehen den Klienten als Menschen, der in seinem Kern vollkommen und ganz ist und nicht als Fall, der wie ein kaputtes Auto repariert werden muss.

Ishu: Spirituelle Therapie ist also von der Idee getragen, dass sich in jedem Mensch ein Wesenskern befindet, der seine eigentliche Bestimmung ist. Und dass die Therapie helfen soll, diesen Kern wieder freizulegen?

Ramateertha: Zunächst geht es darum, überhaupt mit sich selbst und diesem Kern in Kontakt zu kommen. Ein Beispiel: Wenn ein Kind immer wieder gesagt bekommt, dass es dumm sei – so wird es nie seine Intelligenz entwickeln können. Die Verurteilung wirkt wie eine fortgesetzte Selbsthypnose. Jeder von uns ist mit solchen Sätzen aufgewachsen. Sie haben eine enorme Macht. Und es sind ja nicht nur die Bilder und Vorstellungen über uns selbst, sondern auch Bilder darüber, wie wir die Welt sehen sollen. Nach dem christlichen Leitbild sind wir eben nicht hier, um das Leben zu genießen und zu feiern, sondern um hier das Rechte zu tun, damit wir nach dem Tod in den Himmel und nicht in die Hölle kommen. Was hat allein diese Vorstellung an Schäden an dem Selbstbild und der Lebensenergie unzähliger Menschen angerichtet!

Ishu: Die Werte, mit denen wir groß geworden sind und die uns geprägt haben, werden also auch im Sammasati-Training neu beleuchtet?

Ramateertha: Die Entwicklungspsychologie spielt eine wichtige Rolle im Training: Wie formt sich das Ego des Kindes in den frühen Jahren? Welche Strategien haben wir gelernt, um in der Familie zu funktionieren oder dafür zu sorgen, dass die Familie funktioniert? Wie hat uns die Ursprungsfamilie geprägt? Wenn dort zum Beispiel die Beziehung zwischen Vater und Mutter gestört war, ist es möglich, dass die Mutter versucht, ihr Bedürfnis nach Nähe mithilfe ihres Sohnes zu stillen. Der Sohn wird zu ihrem Sonnenschein und stillt ihr Bedürfnis nach Intimität. Damit wird das Kind zum Gebenden und die Mutter zur Nehmenden. Das Verhältnis dreht sich also um und die Mutter wird ihr Kind nicht wirklich gehen lassen können. Natürlich hat das erhebliche Folgen für den Sohn. Oft wird er in seinen späteren Beziehungen nach so einer Art von Symbiose suchen, in der er sich wieder für das Glück seines Partners verantwortlich fühlt. Oder er geht in das andere Extrem und lässt sich auf keine Beziehung mehr ein… Nähe wird zum Alptraum.

Ishu: Durch diese Art der Überbemutterung wird seine Essenz zugeschüttet?

Ramateertha: Das hat Auswirkungen auf das Ego des Sohnes. Er ist ja für die Mutter enorm wichtig und so kann er sich selbst sehr wichtig fühlen. Wenn er später erkennt, dass das seine Überlebensstrategie als Kind war, wäre es eine interessante Erfahrung, auf die Ausübung dieser Strategie zu verzichten. Was passiert dann? Sicher kommen dann viele Ängste hoch; die Angst, allein zu blieben und keine Liebe bzw. Bestätigung mehr zu bekommen. Und gleichzeitig kannst du in aller Klarheit sehen, dass die Strategie dich in deiner Entwicklung behindert. Denn du erhältst mit ihrer Hilfe etwas, was wenig oder nichts mit dir selbst zu tun hat. Doch du wirst zum Anfang deine Defizite wie Löcher spüren und dann wird es eine Herausforderung sein, sie nicht gleich wieder zu stopfen. Es ist wie ein Drogenentzug und da ist es eine enorme Hilfe, wenn du den Zustand von Meditation erfährst. Und auch, wenn du Leute um dich herum hast, die bereit sind, dich als das zu nehmen, was du bist.

Ishu: Meditation spielt als eine wichtige Rolle in eurem Training?

Ramateertha: Ja, Oshos Meditationen sind im Grunde die Basis für unsere Arbeit, denn sie können einen urteilsfreien Raum schaffen. Einen Raum, wo du dich selbst mit Distanz betrachten kannst und auch wahrnehmen kannst, dass deine Essenz jenseits aller Prägungen und Konditionierungen liegt. Osho sagte ja mal, dass Therapie eine der höchsten Formen der Kreativität sei. „Der Maler schafft ein Bild und die therapeutische Arbeit schafft Bewusstsein.“ Die Tür zu diesem Bewusstsein ist Meditation.

Ishu: Und wenn der Therapeut diesen Raum nicht für sich selber kennt, kann er auch seinem Klienten nicht helfen, ihn zu entdecken?

Ramateertha: Das ist das Interessante: Wenn du selbst in einem urteilsfreien Raum bleibst, bekommt der Klient das sofort und unmittelbar mit. Für den Erfolg der Therapie ist es ganz entscheidend, diesen akzeptierenden Raum zu halten, der den anderen so lassen kann, wie er ist. Dann findet ein Aufatmen statt. Der Klient mag selbst viele Urteile über sich haben und sich für einen Versager oder Feigling halten, aber das kennen wir ja alle von uns selbst. Als ich anfing, mich mit Therapie zu beschäftigen, fand ich es sehr ernüchternd zu sehen: Die Therapeuten haben ja die gleichen Probleme wie ihre Klienten auch. Was soll das dann überhaupt? Im Zweifelsfall lernt der Therapeut über sich selbst genauso viel wie sein Klient. Ich habe dann die Erfahrung gemacht: Wenn ich innerlich mit bestimmten Themen beschäftigt war, kamen oft Klienten mit genau diesen Themen zu mir. Es findet eine Spiegelung statt. So hat mir Osho das auch erklärt: Als er mir sagte, ich solle mit Menschen arbeiten, habe ich erst mal „Nein“ gesagt. Dann hat er mir erklärt, dass man selber häufig seine Probleme nicht lösen könne, weil man ihnen viel zu nahe sei. Das sei so wie der Chirurg, der sein eigenes Kind operieren müsse. In dem Moment, wo man jemand anderes vor sich hat, hat man Distanz und Abstand und ist dennoch auch mit seinem eigenen Problem konfrontiert.

Ishu: Wobei dann vielleicht auch die Gefahr besteht, dass man Probleme bei seinem Klienten sieht, die er gar nicht hat…

Ramateertha: (lacht) Das ist natürlich eine Gefahr! Wenn man gerade mit dem Thema „Missbrauch“ beschäftigt ist und auf einmal bei jedem Klienten Missbrauch sieht. Das ist aber eine typische Anfänger-Erscheinung, denn auf Dauer bekommst du einfach mit, ob sich bei deinem Klienten ein Raum öffnet oder ob es sich um eine Projektion handelt, denn da entstehen keine Weite und Offenheit oder gar Stille.

Ishu: Auf jeden Fall scheint das Bild des spirituellen Therapeuten ein anderes zu sein als bei der klassischen Therapie, die vor allem durch Distanz zum Klienten geprägt ist. Ist der spirituelle Therapeut eher der Gefährte, der im gleichen Boot sitzt wie sein Klient?

Ramateertha: Im Grunde ja! Ich sehe die Gefahr in der klassischen Therapie darin, dass die Beziehung zu den Eltern mit derselben Form von Abhängigkeit wiederholt wird…

Aus der Forschung zur Psychoanalyse weiß man, dass der Klient oftmals genau die Träume bekommt, die der Analytiker von ihm erwartet. Die spirituelle Therapie hat einen völlig anderen Ansatz: Es geht darum, im Klienten ein Feld zu öffnen, wo er sich selbst reflektieren kann. Wo er sich anschauen kann und anfängt zu verstehen: Das bin ich und das bin ich nicht. Das kommt von Mama oder Papa und wenn ich eine Wahl gehabt hätte, hätte ich nie gesagt, dass ich das will. Die Rolle des Therapeuten liegt in einer großen Zurückhaltung. Natürlich ist es seine Aufgabe, den Klienten zu spiegeln, aber er wird ihn auch ermutigen, selbst genau hinzugucken, ob an der Rückmeldung etwas dran ist oder eben nicht. Und wie gesagt: Unser Grundverständnis ist, dass der Andere „ganz“ ist und dass ihm von seinem Wesen her nichts fehlt, um ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Es wird dann darum gehen, die Ressourcen im Klienten aufzudecken, die es ihm ermöglichen, seinen eigenen Weg zu gehen. Und auch den Mut dafür zu finden. Denn das bedeutet vielleicht ja auch, dass Leute, die dir wichtig waren, plötzlich nicht mehr Beifall klatschen und du auf einmal ziemlich allein dastehst.

Ishu: Wie schützt du dich als spiritueller Therapeut, dass du nicht genau wie der klassische Therapeut – im ungünstigsten Fall – zum neuen Papa wirst?

Ramateertha: Zunächst einmal müssen wir verstehen, dass beide viel verlieren, wenn du auf dieses Spiel einsteigst. Nicht nur für den Klienten ist es ein Verlust – sondern auch für den Therapeuten, denn er verliert seine individuelle Freiheit. Es ist also ganz wichtig, genau wahrzunehmen, wann eigene Interessen ins Spiel kommen. Ein sehr wichtiger Bestandteil unseres Trainings sind daher die begleitenden Einzelsitzungen. Da kommen häufig diese Themen zur Sprache. Mir sagte kürzlich ein Teilnehmer, mit dem ich über eine Klientin von ihm sprach: „Ich muss gestehen, wenn ich meiner Klientin diese Wahrheit so präsentiere, dann kann es sein, dass sie nicht wiederkommt…“ Und genau das musst du riskieren. Du musst als Therapeut deine innere Freiheit behalten. Und die verlierst du, wenn du deinen Klienten benutzt, um dein Ego zu päppeln oder dein Überleben zu sichern.

Ishu: Und damit das nicht passiert, gehört zu eurem Training auch die Supervision in Einzelsitzungen, wo auch die eigene Rolle als zukünftiger Therapeut beleuchtet wird?

Ramateertha: Wir sind ja ein Team von vier Therapeuten, die dieses Training leiten: Anando, Subodhi, Samarona und ich. Und wir sitzen oft zusammen, um unsere Wahrnehmungen bezüglich der Teilnehmer abzugleichen. Denn wir wissen: Jeder von uns hat seine „blind spots“ und so ist es sehr wertvoll, dass wir zusammen hinschauen und uns austauschen. Ich denke, das kommt auch den Teilnehmern zugute. Denn ich bin für sie nicht der einzige Spiegel, sondern sie werden von ganz unterschiedlichen Temperamenten gespiegelt. Was der eine übersieht, kann der andere vielleicht klarer sehen und da, wo einer von uns falsch liegt, kann ein anderer korrigieren.

Jeder von uns vieren betreut einen unterschiedlichen Abschnitt in der Ausbildung und jeder Teilnehmer bekommt einen von uns Trainern als persönlichen Mentor an seine Seite gestellt. Die Einzelsitzungen haben eine ganz wichtige Funktion für die ganze Ausbildung. Im ersten Abschnitt sind es vier Einzelsitzungen. Im zweiten Abschnitt, dem eigentlichen Ausbildungsmodul, sind es sechs Sitzungen. Dazu gehört auch die Supervision, bei der die Teilnehmer selbst Sessions geben und ein anderer Beobachter dabei sitzt und später Feedback gibt.

Ishu: Wann fangen die Teilnehmer an, selbst Sessions zu geben?

Ramateertha: Im zweiten Modul. Für die Zertifizierung müssen sie 5 Einzelsitzungen an einen Klienten ihrer Wahl geben, die von ihnen auch protokolliert werden. Die Protokolle werden dann von uns gelesen und mit den Teilnehmern besprochen. Im dritten Modul besteht dann die Möglichkeit, nochmals als Assistent das ganze Training zu erleben. Auch da gibt es wieder Einzelsitzungen, wo Themen bearbeitet werden können, die während der Assistenz auftauchen. Weil wir jetzt ein Training abschließen, bin ich gerade dabei, die Session-Protokolle mit den Teilnehmern zu besprechen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist die Entdeckung, dass es nicht darauf ankommt, in den Sitzungen etwas zu „machen“. Es geht also nicht um die Vorstellung: Ich nehme jetzt das richtige Werkzeug und dann löse ich das Problem – sondern es geht vor allem darum, wirklich präsent zu bleiben und da zu sein. Dann können sich Dinge öffnen und vieles geschieht von selbst. Natürlich ist es auch ganz stark eine Erfahrungssache, zu erspüren, wo der Punkt liegt, der für den Klienten ganz besonders wichtig ist. Doch zunächst mal geht es darum, den Klienten einzuladen, in einen Raum zu gehen, wo er sich öffnet und dann auch anschauen kann. Und ehrlich mit sich umgehen kann, weil er weiß, dass jetzt nicht der Daumen gehoben oder gesenkt wird.

Ishu: Das setzt aber voraus, dass der Therapeut die Größe hat, diesen Raum überhaupt zuzulassen…

Ramateertha: Klar – und da bin ich immer wieder beeindruckt, wie die Teilnehmer im Laufe des Trainings wachsen. Wie sie aufblühen und eine Akzeptanz zu sich selbst entsteht. Sie werden viel davon mit in ihr Leben nehmen und vielleicht wird es sie so verändern, wie die erste Liebe sie verändert hat.

Ishu: Du hast mittlerweile schon viele Therapeuten ausgebildet. Hast du zu Beginn eines Trainings ein Gefühl, wer viel Talent für diesen Beruf mitbringt oder ist das manchmal auch eine Überraschung?

Ramateertha: Nicht nur manchmal – es ist vorher wirklich nicht absehbar! In früheren Trainings war ich mir bei bestimmten Leuten ganz sicher, dass sie später einmal als Therapeuten arbeiten würden. Und dann waren es ganz andere, die später als Therapeuten arbeiteten. Das ist aber auch nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist, dass das Training ein Feld bietet, wo jeder für sich selbst sehr viel lernen kann und das dann auf seine ganz eigene Weise mit ins Leben nimmt. Es ist eine Besonderheit unseres Trainings, dass wir diesen Raum während der ganzen Ausbildung für die Teilnehmer halten. Und da wir als Therapeuten hier vor Ort sind, haben wir die Möglichkeit, die Teilnehmer auch außerhalb der Trainingsabschnitte zu begleiten. Wenn dann einer der Teilnehmer eine Session braucht, wird er die auch bekommen.

Im Grunde ist das Training eine Reise zu dir selbst. Es ist also nicht nur für Leute geeignet, die zukünftig als Therapeut arbeiten wollen, sondern auch für Leute, die einfach auf der Suche nach sich selbst sind. Viele Leute fangen das Training aus diesem Grund an und interessanterweise werden aus ihnen oft die besten Therapeuten. Je mehr Freiheit du bei dir selbst zulassen kannst, desto mehr kannst du auch andere lassen, wie sie sind. Es ist eine Gnade, das zu entdecken, denn damit bekommt dein Leben eine Mitte. Und dann kannst du auch etwas an andere weitergeben …

Zur Person

Ramateertha Doetsch

Arzt und Therapeut, seit 1976 Schüler von Osho. Anerkannter Lehrtherapeut/-trainer der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen. Ausbildung in Massage, Atem- und Körperarbeit, psychologischer Beratung, Psychic Massage, Primärtherapie, Familientherapie nach Bert Hellinger und Traumaheilung nach P. Levine. Gründer des Osho UTA Instituts. Ramateertha gehört zum festen Therapeutenteam der UTA Akademie.

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